Mein Opa im Krieg, Frankreich 1940

Ein ganz normaler Soldat

 

Mein Opa Jakob Gerber hat nicht oft über den Krieg gesprochen, aber er wurde sicher von ihm geprägt. Ich habe mich oft gewundert, warum er, der doch so oft und gerne mit seiner Frau sonntags wegfuhr, nie ins nahe Frankreich wollte. Ich kannte natürlich die „offizielle“ Begründung: nach dem Krieg sei ein deutscher Autofahrer dort nach einem Unfall gelyncht worden. Doch schon damals spürte ich, dass vielleicht mehr dahinter steckte. Was hat er in Frankreich erlebt?

Den Feldzug im Westen machte er von Beginn an bis zum Ende als Infanterist mit. Gerade diese Zeit hat er gut dokumentiert – mit Bildern und in Briefen, aber vor allem mit einem detaillierten Tagebuch. Damit mache ich mich auf die Spurensuche.

Dabei geht es mir nicht darum, den Krieg zu verteidigen oder zu verklären. Ich halte ihn für ein Verbrechen, an dem auch meine Familie beteiligt war – sicher nicht gerne und es gibt keine Hinweise, dass irgendjemand sich direkt schuldig gemacht hat. Aber sie waren doch alle Teil der Maschine und Rädchen, ohne die sie nicht hätte funktionieren könne. Ich klage sie nicht an, ich habe meine Großeltern als gute und liebevolle Menschen erlebt. Ich möchte aber verstehen, was sie erfahren haben und wie sie geworden sind, was sie waren. Wäre mein Opa in einer anderen Zeit geboren, wäre er ein Mensch mit anderen Ansichten gewesen. Seine Notizen aus dieser Zeit geben Aufschluss darüber.

 

Das Tagebuch

 

Jakob Gerber's Tagebuch 1940 „Frau Hedwig Gerber, geb. Brück
Kassel, Gartenstraße 31E
16.4.18

Frl. Ida Gerber  8.9.20
Merchweiler (Saar), Bismarckstr. 19

Familie Michel Brück
Marpingen (Saar), Kapellenweg 5

13.5.40 Falls mir in diesem Kampf etwas zustossen sollte so möchte ich die Gelegenheit hier im Walde während der Bereitsstellung zum Angriff dazu benutzen Euch meine Angehörigen zu grüssen. Dieses Büchlein wird bestimmt in der Heimat ankommen. Ich grüsse meine liebe Frau mit meinem kleinen lieben Dieter u. wünsche Ihnen alles Gute f.d. Zukunft. Meine liebe Hedwig u. Dieter ich grüsse Euch nochmals herzlichst

Euer Papa“

 

Kriegsbeginn nahe der Heimat

 

Am 30.August 1939, zwei Tage vor Beginn des Krieges, rückt Jakob Gerber in die 4. Kompanie des Infanterie-Ersatz-Batallions 88 in Fulda ein und wird vermutlich kurz danach nach Burtscheid bei Hermeskeil verlegt.

Das Lexikon der Wehrmacht schreibt:

Zu Beginn des Westfeldzuges durchquerte die Division Luxemburg und marschierte durch Belgien. Sie kämpfte am Chiers bei Virton und verlegte dann an die Aisne, die am 9. Juni 1940 bei Berry-au-Bac überschritten wurde. Anschließend marschierte die Division über Marne und Seine bis zur Loire bei Nevers, wo sie beim Waffenstillstand stand. Nach dem Waffenstillstand verblieb die Division als Besatzungstruppe südlich und südwestlich von Dijon.  

Am 11. Mai marschiert das IR88 in Luxemburg ein, einen Tag später, an Pfingsten, steht es im südlichsten Zipfel von Belgien. Am 13.5. bereitet sich Jakob Gerber mit seinem Regiment auf die Feuertaufe vor: als Schütze in einer Maschinengewehrabteilung ist er am Sturm auf die Maginot-Linie bei den Dörfern Avioth und Thonne-la-Long beteiligt. Der Angriff über das freie Feld scheiterte, das Regiment zieht sich in den Wald hinter Avioth zurück. Heinrich Werner ist der erste Gefallene:  Artillerievolltreffer, „7m rechts davon lag ich“. Er wird an Ort und Stelle begraben.

 

Bis zum 17. Mai liegt das Regiment im Wald, unter Artillerie- und MG-Feuer. Erst nach drei Tagen gibt es Wasser. Dann werden sie abgelöst und marschieren zurück nach Belgien. Nach kurzer Ruhephase geht es weiter an der belgisch-französischen Grenze entlang – offenbar immer wieder durch heftiges Artilleriefeuer. Am 28. schließlich wieder nach Frankreich, nach Sedan, wo die Wehrmacht knapp zwei Wochen vorher den Übergang über die Maas geschafft hat. Jakob Gerber zeigt zerstörte Dörfer und schreibt darüber, ebenso Massengräber und abgeschossene Panzer – noch scheint das kein gewohntes Bild zu sein. 

Seine Bilder zeigen auch französische Gefangene, darunter 100 „Schwarze“. Diese „Schwarze“ wird er immer wieder kommentieren, er setzt sie als „Soldaten“ in Anführungsstriche. Wenn sie keine echten Soldaten sind, was sind sie dann für ihn? Das bleibt offen.

Trotz der Spannung und der Anstrengung in diesen Tagen, scheint die Stimmung noch gut zu sein. Man sieht Soldaten beim Handballspielen oder verkleidet durch ein französisches Dorf ziehen. 

 

 

Die Schlacht an der Aisne, Juni 1940

 

Bei großer Hitze schwenkt die Division Anfang Juni nach Süden ein und geht in Richtung Reims vor. Die Heeresgruppe A, zu der das IR88 gehört, soll im Rücken der Maginot-Linie in Richtung der Schweizer Grenze vorstoßen. Davor ist jedoch die Aisne und der parallel verlaufende Aisne-Kanal zu überqueren. Dieser Übergang ist kritisch und schwierig, die Franzosen haben sich am anderen Ufer eingegraben.

Bei Pontaverts überquert Jakob Gerber am 9.6. Fluss und Kanal. Er schreibt:

„9.6.40: 5 Uhr. Beginn der Schlacht an Aisne u. Kanal. Schwerstes Artilleriefeuer vor Roucy. Flieger im Erdkampf. Tagesziel Soldatwald erreicht … Hartnäckiger feindl. Widerstand. Luftwaffe greift ein. Wir gehen kämpfend vor über Roucy, Sacy, Villers.“

Die Kämpfe scheinen hart zu sein. Vermutlich wird Jakob alleine oder in einer Gruppe von seiner Einheit getrennt und stößt erst am nächsten Morgen wieder zu ihr. Der Vormarsch geht danach ohne Unterbrechung weiter: westlich an Reims vorbei, nach Süden auf die Marne zu.  Bevor die Marne überquert werden kann, wird im Reimserwald gefochten. Jakob Gerber beschreibt diesen Tag in seinem Tagebuch ausführlicher: 

„Am 14.6.40 bekommen wir schweres S.M.G. Feuer und Ari-Feuer Unsere Ari erwiderte sehr gut und wirksam das Feuer. Wir griffen mit unserem S.M.G., nachdem der 2. Zug mit seinem M.G. nicht mehr schiessen konnte, ein u. bekämpfen die gut getarnten französischen M.G., die hartnäckig das Feuer erwiderten. Der Feind wurde nach 6. bzw. 8 Stunden zurückgeworfen. Völlig durchnässt und die Stiefel voller Wasser verfolgten wir den Feind, der fluchtartig türmte. In der Abenddämmerung erreichten wir den Ort Sumere. Der Feind hatte zu unserem Glück grosse Massen Kleidungs- u. Ausrüstungsgegenstände auf einem Lager zurückgelassen. Wir waren froh, dass wir uns mit der französischen Kleidungsstücken wieder trockene Unterwäsche anziehen konnten.“

Der Durchbruch gelingt ebenso wie das Übersetzen über die Marne. Die französischen Soldaten sind demoralisiert, zu größeren Kampfhandlungen scheint es bis zum Waffenstillstand am 20. Juni nicht mehr zu kommen. „Am 20.6.40 zur Ruhe übergegangen„, schreibt Jakob Gerber bei Nevers an der Loire. Einfache Worte, so war er eben, aber welche Last muss von den Soldaten gefallen sein?

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Bis Ende des Jahres bleibt er in Frankreich. Die 15. ID und sein Regiment verbleiben als Besatzungstruppe in der Region rund um Chalon-
sur-Saone, wo die Demarkationslinie zum unbesetzten Frankreich verlief.  Vom 29.10. bis zum 18.11. hat er Urlaub, kehrt noch einmal zu seinem Regiment zurück, um dann am 30.12.1940 U.K. gestellt zu werden. Der Krieg ist für ihn vorerst zu Ende, die Rüstungsindustrie braucht Arbeiter. Jakob kann zu seiner Frau Hedwig und seinem Sohn Dieter nach Kassel.
1943 wird er wieder eingezogen und nach Russland geschickt. Meine Oma Hedwig und mein Onkel Dieter bleiben in Kassel und erleben dort die Bombennächte. 

 

Jakob Gerbers Weg 1940-45

 

 

 

 

Alle Fotos

 

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Quellen und Links

Lexikon der Wehrmacht, http://www.lexikon-der-wehrmacht.de

Die Geschichte der 15. Infanteriedivision, http://www.15id.info/index.htm

1 Comment
  • dieter

    22. September 2019at22:30 Antworten

    To all non-German speakers: this article is about my grandfather who served as a German soldier in WW2. He’s not been a war hero but an ordinary soldier. I do not want to justify war or excuse anything, it was a crime driven by a racist ideology. I loved him very much and there’s no evidence that he personally was involved in any of those crimes himself, but he played his role in making this inhuman machinery work. This article tells his story – and maybe a bit of how „ordinary“ people of that period thought and what they experienced.

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